Die Ableitungen der WM-Analyse wurden direkt in die Praxis übertragen.

ITK 2026: Einblicke in die WM-Analyse des DFB

ITK 2026: Einblicke in die WM-Analyse des DFB

Unter dem Motto „Potenziale erkennen, entwickeln und nutzen“ findet der diesjährige Internationale Trainer-Kongress (ITK) des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL) in Mainz statt. Zum Auftakt gab unter anderem Marc-Patrick Meister Einblicke in die WM-Analyse des DFB und ging dabei in Theorie und Praxis auf die Themen Flanken, Boxverteidigung und Bälle verwerten ein. FT-Redakteur Jonas Aulkemeyer begleitet den ITK und berichtet von dort.

Ganzheitliche WM-Analyse

Der DFB begleitete die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko mit einem großen Expertenteam. Dadurch wurde eine ganzheitliche Analyse des Turniers möglich, aus der die Gruppe insgesamt 15 Themen für das Training abgeleitet hat.

Drei wesentliche Erfolgskriterien, die im Folgenden näher beleuchtet werden, betreffen das Flügelspiel sowie das anschließende Verwerten von Bällen im Strafraum. Dem gegenüber steht die Boxverteidigung.

Erkenntnisse aus der WM-Analyse

54,8 Prozent der Turniertreffer fielen über die Flügel, und 47 Treffer wurden durch eine Flanke vorbereitet. Im Finale erzielte Torres den Siegtreffer im Anschluss an eine Hereingabe aus dem Halbfeld. Das verdeutlicht, wie wichtig die Themen Flankenspiel, Verwertung von Hereingaben und Boxverteidigung sind.

Flanken

Insgesamt gab es im Turnier weniger Flanken pro Spiel (17,4) als 2022 (19,2) in Katar oder 2018 (20,8) in Russland. Dennoch fielen mehr Treffer im Anschluss an eine solche Situation, woraus sich eine höhere Flankeneffektivität ergibt (2,6 Prozent im Vergleich zu 2,37 Prozent (2022) und 1,81 Prozent (2018)).

Eine Ableitung für das Training ist entsprechend, die verschiedenen Flankenarten zu pointieren:

Flankenarten

Early Cross

Gegen eine fallende Abwehrkette ist das Ziel, mit einer frühen Hereingabe flach und scharf den Raum zwischen dem Torhüter und den Verteidigern zu treffen.

Cut Back

Von neben dem Tor wird statt eines Abschlusses aus einem ungünstigen Winkel der Pass in den Rückraum gesucht. Die Absicht besteht darin, während die Verteidiger zum Tor fallen und den Blick nur auf den Ball gerichtet haben, ihren Rücken zu bespielen.

Flanke zum Tor

Der inverse Flügelspieler (Linksfuß auf der rechten oder Rechtsfuß auf der linken Außenbahn) dribbelt mit seinem starken Fuß nach innen. Aus der Situation heraus flankt er in die Box, wo der Stürmer versucht, in den Rücken des Innenverteidigers zu gelangen und zum Kopfball zu kommen.

Flanke weg vom Tor

Aus dem klassischen Flügelspiel ergibt sich eine Flanke in den Strafraum, bei der insbesondere das Timing zwischen Außenspieler und Stürmer entscheidend ist.

Halbfeldflanke

Der Ball ist am Flügel, wo ein Durchbruch nicht möglich ist. Der Ballbesitzer legt weich zurück, sodass aus dem Halbfeld mit dem ersten oder spätestens zweiten Kontakt die Hereingabe vor das Tor erfolgen kann.

Christoph Zimmermann spricht bei einem Vortrag auf einer Bühne vor einer grünen Präsentationsfolie.
Christoph Zimmermann beleuchtete insbesondere die Boxverteidigung.

Boxverteidigung

Zentrales Bestreben für die Boxverteidigung ist es, einen kontrollierten Abschluss zu verhindern. Das ist die beste Lösung, weil die Spielfortsetzung in den meisten Fällen per eigenem Abstoß erfolgt. Das Risiko, dass das Eingreifen eines Verteidigers zum Beispiel zu einer Ecke oder einer unkontrollierten Situation – im schlimmsten Fall einem Eigentor – führt, wird minimiert.

Entweder gelingt es, den Kontrahenten bereits am Flügel zu stellen und dort erfolgreich abzuwehren, sodass die Flanke unterbunden wird und der Abwehrverbund in der Folge Höhe gewinnen kann. Andernfalls gilt es, in der Box zu verteidigen. Dabei gibt es drei Erfolgskriterien:

  • Sich in der Box zuordnen und Zuständigkeiten verteilen.
  • Auf der inneren Linie positionieren, dabei Körperkontakt suchen und eine Ballerwartungshaltung einnehmen.
  • Die Dynamik brechen und bis zum Ende verteidigen.

Bei der Weltmeisterschaft konnten in solchen Situationen Vorteile für das Verteidigen am Mann gegenüber dem Verteidigen im Raum erkannt werden. Probleme, die bei der Raumverteidigung aufgetreten sind, waren, dass die Abwehrspieler keinen Körperkontakt aufgenommen haben, zu tief gefallen sind und so keinen Zugriff auf die Angreifer herstellen konnten. Mit der klareren Orientierung am Mann waren die Zuständigkeiten verteilt, sodass die Gefahr, den direkten Gegner aus den Augen zu verlieren, minimiert werden konnte und Hereingaben erfolgreich verteidigt wurden.

Bälle verwerten

Allen spanischen Treffern im Turnierverlauf gingen durchschnittlich 1,3 Ballberührungen des Schützen voraus. Eine Folge der zahlreichen Flanken war, dass fast die Hälfte der Treffer aus der zentralen Zone vor dem Tor erzielt wurden.

Um mit einem Kontakt und unter hohem Druck erfolgreich zu sein, sind Kreativität und Koordination wesentliche Voraussetzungen. Für das Training stellt sich die Frage: Wann üben wir solche Szenarien, die schwer sind und Routine benötigen, um sie zu meistern?

Die Aufgabe besteht darin, die Angreifer in Situationen zu bringen, in denen sie ein kleines Schussfenster mit wenigen Kontakten nutzen müssen. Dabei geht es sowohl um Momente, in denen der Stürmer mit dem Rücken zum Tor agiert, als auch um solche, in denen er in offener Stellung angespielt wird. Ebenso gilt es, die unterschiedlichen Vorbereitungssituationen abzubilden.

Ableitungen für das Training

Das Wichtigste ist das Training! Die Frage, die über jeder Einheit steht, lautet: Was trainieren wir und warum? Mit Blick auf die Fokusthemen aus der WM-Analyse geht es um die ganzheitliche Entwicklung individueller Qualität. Es sollen entsprechend nicht nur Flanken geübt, sondern Hereingaben, das Verwerten von Bällen und gleichzeitig die Boxverteidigung thematisiert werden. Um möglichst spielnah zu arbeiten, sollen aber auch andere Lösungen, wie zum Beispiel Distanzschüsse, nicht ausgeschlossen werden. Über Provokationsregeln werden dennoch einzelne Aspekte, die gecoacht werden sollen, pointiert. In Übungsformen ist das entscheidende Erfolgskriterium eine hohe Wiederholungszahl. Organisatorisch gelingt das beispielsweise über einen doppelten Aufbau.