Eine große Kunst des modernen Trainer ist es, das ganze Team zu coachen und gleichzeitig jeden Spieler individuell im Blick zu haben.

Individualisierung – jeder Spieler zählt

Individualisierung – jeder Spieler zählt

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„Um allen gerecht zu werden, müssen wir jeden unterschiedlich ­behandeln!“ Dieses Prinzip beschreibt den Ansatz des individualisierten Trainings treffend. Dennoch gestalten wir Trainer häufig unbewusst viele Rahmenbedingungen für unsere Spieler ähnlich und erwarten gleichzeitig, dass diese Methoden sowohl die Entwicklung jedes Einzelnen fördern als auch zum Mannschaftserfolg beitragen. Thomas Impekoven und Johannes Ederer haben sich intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt und präsentieren in ihrem Buch „Individualisiertes Training“ ein innovatives Trainingskonzept. In diesem Beitrag stellen sie – ausgehend vom übergeordneten Ziel der ganzheitlichen Entwicklung jedes Spielers – ihre Gedanken zum Schwerpunkt der Positionsentwicklung defensiver Mittelfeldspieler vor.

Zwei Ziele, ein Weg: Individualisierung im Training

Was hat Vorrang? Der Erfolg des Teams oder die Entwicklung des einzelnen Spielers? Ist es tatsächlich eine Entweder-oder-Entscheidung, oder können beide Ziele parallel verfolgt werden? Und wenn ja, wie? Möglicherweise bedingt das eine auch das andere. Falls dies zutrifft: Hängt der Erfolg der Mannschaft von der Entwicklung des Einzelnen ab oder umgekehrt die individuelle Entwicklung von der Teamleistung? 

Diese Fragen beschäftigen nicht nur Trainer im Leistungsbereich, sondern vor allem jene, die mit begrenzten Mitteln in jeder Trainingseinheit das Optimum erreichen wollen – etwa, weil ihnen nur wenig Trainingszeit zur Verfügung steht oder sie große Leistungsunterschiede innerhalb ihrer Spielergruppe vorfinden, aber dennoch jeden Spieler optimal fördern möchten. 


Buchcover „Individualisiertes Training“ mit Bestellhinweis, Preis und Seitenzahl vor grün-blauem Hintergrund.

Viel zu oft wird im Training nach dem „Gießkannen-Prinzip“ agiert, in der Hoffnung, dass die gewählten Trainingsformen und der Coaching-Stil jedem Spieler genau das vermitteln, was er für seine Entwicklung benötigt. Die Folge: Alle absolvieren die gleichen Trainingsformen und erhalten weitgehend dieselben Hilfestellungen. 

Das individualisierte Training, wie wir es verstehen, zielt hingegen auf eine Differenzierung in Bereichen ab, die unmittelbar auf den einzelnen Spieler wirken. Ein möglicher Ausgangspunkt ist die Grundform der Individualisierung: das freie Spielen in kleinen Gruppen, auf mehreren Feldern und mit wenigen Vorgaben. Diese Form stellt die höchste Stufe der inhaltlichen Individualisierung dar. Hier kann jeder Spieler die Spielform seinem Entwicklungsstand entsprechend gestalten, während der Trainer seine Begleitung genau an diesem Punkt ausrichtet. Wie die ganzheitliche Entwicklung aller Spieler mit dem Schwerpunkt auf die Positionsentwicklung des defensiven Mittelfeldspielers aussehen kann, zeigen die folgenden Abschnitte.

Das Anforderungsprofil des zentralen defensiven Mittelfeldspielers

Die Position des zentralen defensiven Mittelfeldspielers ist aufgrund ihrer „Lage“ sehr vielfältig. Diese Spieler nehmen zwar weiterhin eine wichtige Rolle in der Verteidigung der gefährlichen Zone zentral vor der Abwehrreihe ein. Die Anforderungen im Spiel mit dem Ball aber haben sich in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweitet, da der „Sechser“ in vielen Spielideen derjenige ist, der immer anspielbar sein sollte. Durch den zunehmenden Raum-, Zeit- und Gegnerdruck hat sich auch der technische und taktische Anspruch an die Position erhöht.
 

Der zentrale defensive Mittelfeldspieler kann als Überzahlspieler Räume besetzen oder Anspielstationen schaffen, um seine Mitspieler zu unterstützen. Da er Situationen in Spielrichtung wie auch mit dem Rücken zum gegnerischen Tor bewältigen muss, ist das Wissen (u. a. durch Vororientierung) um die Positionen und Laufrichtungen von Mit- und Gegenspielern zu jedem Zeitpunkt essentiell – egal, ob sein Team mit einem, zwei oder drei zentralen defensiven Mittelfeldspielern agiert. Bei einem sehr offensiven Gegner wird der Sechser eher im Spiel gegen den Ball gefordert sein, gegen ein tief stehendes Team dagegen primär im Ballbesitz. Grundsätzlich ist er derjenige, der für eine Balance zwischen Offensive und Defensive sorgt.

In der Defensive Tore verhindern, offensiv Treffer initiieren – daraus entwickelte sich die mittlerweile gängige Bezeichnung des „box-to-box-players“, der nahezu überall auf dem Platz auftauchen kann und dessen Wert oft erst erkannt wird, wenn er einmal nicht spielt.

Profil Offensive

Egal, ob er das Spiel vor sich hat oder geschlossen agiert, sind das Passspiel, Dribblings, die Ballmitnahme und Flugbälle aus technischer Sicht am relevantesten, da sie auch als Spielbeschleuniger dienen. Zusätzlich ergänzen Distanzschüsse das Repertoire.

Taktisch hingegen sind ohne Ball Freilaufbewegungen in freie Räume zwischen und in den gegnerischen Ketten (idealerweise im Rücken des Gegners) vonnöten. Ist der defensive Mittelfeldspieler hinter dem gegnerischen Stürmer oder zentralen Mittelfeldspieler anspielbar, können sie überspielt werden. Neben der offenen Stellung bildet die Vororientierung eine Basis für schnelle und qualitativ gute Entscheidungen, da anderenfalls Ballverluste schnell zu gefährlichen Spielsituationen führen können. Mit Ball sind vorwiegend spielnahe Lösungen wie der Doppelpass, Steil-klatsch-Aktionen und das Spiel über den Dritten auszubilden.

Profil Defensive

Trotz der Relevanz im Spiel mit dem Ball nimmt die Defensivarbeit eine zentrale Rolle ein. Sechser zeichnen sich durch eine hohe Laufleistung aus: Sie schließen Räume im Rücken der Mitspieler, stellen Passwege zu, schaffen Zugriff auf direkte Gegenspieler und gewinnen Bälle, indem sie Pässe antizipieren. Der defensive Mittelfeldspieler wird oft als Stratege wahrgenommen, vor allem durch seine „unsichtbare“ Arbeit. Er ist nicht nur für seinen eigenen Wirkungskreis verantwortlich, sondern kann durch Coaching seiner Mitspieler sowie seine zentrale Position kontinuierlich auf Spielsituationen einwirken. Aus technischer Sicht kann ein raumüberwindender zielgerichteter Kopfball hilfreich sein, um den Ball nach Flugbällen des Gegners aus dem Gefahrenbereich zu klären oder zum Mitspieler zu bringen (ab Leistungsbereich).

Optimierungspunkte für das Training

  1. Trainingsformen mit Spielrichtung wählen.
  2. Spielfelder, Spielerzahlen und -positionen nutzen, die Lösungen nach vorne und hinten ermöglichen.
  3. Spielnahen Raum-, Zeit- und Gegnerdruck durch Gleichzahlsituationen (maximal plus 1) herstellen.
  4. Kleingruppentraining mit weiteren Mittelfeldspielern, um spielnahe Freilauf- und Anschlussaktionen in vielen Wiederholungen zu ermöglichen.
  5. Vor allem die Stärken (und Potenziale) der einzelnen Spieler bewusst machen und daraus 1 bis 2 detaillierte Coachingpunkte ableiten.

Trainingsformen für den zentralen defensiven Mittelfeldspieler