Zum Saisonstart 2019/20 hat die FIFA die Abstoßregel modifiziert, um das Spiel schneller und attraktiver zu machen: Der Abstoß darf von einem beliebigen Punkt innerhalb des Torraums erfolgen und innerhalb des Strafraums angenommen werden. Dazu dürfen beliebig viele Mitspieler im Strafraum positioniert sein. Der Ball ist im Spiel, sobald er sich erkennbar bewegt hat. Zugleich darf die gegnerische Mannschaft den Strafraum erst mit dieser Bewegung betreten. Michael Rentschler und Ernst Thaler zeigen, welche Möglichkeiten diese neue Regel eröffnet.
Jeder beliebige Spieler darf innerhalb und aus dem Torraum heraus zu jedem beliebigen Spieler passen, also auch beispielsweise der abfallende Sechser zum Torspieler. Bleibt der Ball im Zentrum, erhöhen sich die Optionen für die Spielfortsetzung spürbar: Das gesamte Feld ist offen. Früher postierten sich die Innenverteidiger neben dem Strafraum und konnten dann meist lediglich auf ihrer Seite nach vorn oder ins Zentrum spielen.
Mit dieser Regeländerung bietet sich dem ersten Passgeber immer eine freie Anspielstation, was das Spiel durch das Zentrum variabler macht. Das hatte bereits in der Saison 2019/20 zur Folge, dass der Anteil an kurzen Abstößen von den Teams in den fünf größten europäischen Ligen im Vergleich zum Vorjahr deutlich erhöht wurde.
Im Fußball haben wir den ständigen Wechsel von Aktion und Reaktion. Das gilt auch für das taktische Verhalten nach einer Regeländerung. Wollen wir den kurzen und flachen Abstoß anwenden und sogar mehrere Varianten erarbeiten, gehen wir also schrittweise vor und beachten dabei folgende Punkte:
Die Nachteile der Regel für den Gegner – die Mannschaft ohne Ball – kennen, um die Motivation für entsprechende Maßnahmen zu schaffen und die eigenen Vorteile herauszuarbeiten.
Die gegnerischen Balleroberungsstrategien kennen, um Gegenmittel zu finden.
Lösungsmöglichkeiten vorstellen.
Angriffsprinzipien für die Spieleröffnung formulieren und im Coaching nutzen, um jedem Spieler für jede Situation Ankerpunkte an die Hand zu geben.
Informationen über die jeweilige gegnerische Grundordnung einholen, um darauf abgestimmte Spieleröffnungsvarianten zu entwickeln.
Abschließend formulieren wir in Form von Wenn-dann-Aussagen die für gegnerische Balleroberungsstrategien geeigneten Maßnahmen.
Um zu verstehen, welche Chancen der kurze Abstoß eröffnet, nehmen wir einen Perspektivwechsel vor: Das Champions-League-Spiel Bayer 04 Leverkusen gegen Juventus Turin aus 2019/20 zeigt, welche Probleme er auf Seiten der Mannschaft ohne Ball hervorruft.
Ausgangssituation
Juventus Turin hat Abstoß.
4 Spieler befinden sich im Strafraum.
Der Torwart steht am Ball.
Die Spitzen stehen hoch und ziehen so die Linien von Bayer Leverkusen auseinander.
Probleme für Bayer Leverkusen
Da die Abseitsregel erst nach dem ersten Pass greift, muss Bayer eine große Tiefe abdecken und kann keine Kompaktheit herstellen: Die Abstände betragen deutlich mehr als 10 Meter, sodass in diesen Räumen Angreifer angespielt werden können.
Somit kann Bayer nicht schnell doppeln und es entstehen entweder Verantwortlichkeitsprobleme oder direkte Zuordnungen.
Da Juventus mit einer Raute und zwei Spitzen agiert, entscheidet sich Bayer für Überzahl in der letzten Linie. Dadurch ist aber vorne eine doppelte Unterzahl und Juventus hat gute Chancen, kurz eröffnen zu können.
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Ausgangssituation
Juventus Turin hat Abstoß.
4 Spieler befinden sich im Strafraum.
Der Torwart steht am Ball.
Die Spitzen stehen hoch und ziehen so die Linien von Bayer Leverkusen auseinander.
Probleme für Bayer Leverkusen
Da die Abseitsregel erst nach dem ersten Pass greift, muss Bayer eine große Tiefe abdecken und kann keine Kompaktheit herstellen: Die Abstände betragen deutlich mehr als 10 Meter, sodass in diesen Räumen Angreifer angespielt werden können.
Somit kann Bayer nicht schnell doppeln und es entstehen entweder Verantwortlichkeitsprobleme oder direkte Zuordnungen.
Da Juventus mit einer Raute und zwei Spitzen agiert, entscheidet sich Bayer für Überzahl in der letzten Linie. Dadurch ist aber vorne eine doppelte Unterzahl und Juventus hat gute Chancen, kurz eröffnen zu können.
2. Balleroberungsstrategien kennen
Um einen Matchplan entwickeln zu können, stellen wir folgende Fragen:
Welche Balleroberungsstrategien gibt es beim gegnerischen Abstoß?
Welche Raumaufteilung ist sinnvoll?
Ausgangssituation
Juventus steht hoch im 4-4-2 mit Raute und stellt die Anspieloptionen auf Strafraumbreite zu.
So macht es das Zentrum stark, lässt aber auf den Flügeln „Angebotsräume“ offen.
Dabei genügt links und rechts vorn jeweils 1 Spieler, um 2 Aufbauspieler von Bayer zu kontrollieren.
Probleme für Bayer Leverkusen
Mit dem Chipball des Torspielers nach außen schiebt Juventus sofort kompakt aus dem Zentrum nach.
Gleichzeitig räumt es entsprechend die andere Seite, stellt Überzahl her, setzt den Passempfänger sofort unter Druck und schließt mögliche Passwege nach hinten und ins Zentrum.
Bayer versucht, sich zunächst über außen und dann hintenrum zu befreien, verliert aber wenig später noch in der eigenen Hälfte den Ball.
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Ausgangssituation
Juventus steht hoch im 4-4-2 mit Raute und stellt die Anspieloptionen auf Strafraumbreite zu.
So macht es das Zentrum stark, lässt aber auf den Flügeln „Angebotsräume“ offen.
Dabei genügt links und rechts vorn jeweils 1 Spieler, um 2 Aufbauspieler von Bayer zu kontrollieren.
Probleme für Bayer Leverkusen
Mit dem Chipball des Torspielers nach außen schiebt Juventus sofort kompakt aus dem Zentrum nach.
Gleichzeitig räumt es entsprechend die andere Seite, stellt Überzahl her, setzt den Passempfänger sofort unter Druck und schließt mögliche Passwege nach hinten und ins Zentrum.
Bayer versucht, sich zunächst über außen und dann hintenrum zu befreien, verliert aber wenig später noch in der eigenen Hälfte den Ball.
3. Lösungsmöglichkeiten vorstellen
Fassen wir zusammen: Der Gegner will uns provozieren, den Ball in die Gleichzahl zu spielen, uns früh nach außen locken und uns dort sofort unter Druck setzen. Was unternehmen wir dagegen?
Wir besetzen die vertikalen Räume zwischen den gegnerischen Linien, die zum einen die Verteidiger zu Entscheidungen zwingen, zum anderen aber erst das Prinzip „Aus dem Zentrum in das Zentrum und raus aus dem Zentrum“ ermöglichen. Häufig geschieht dies in einer Rautenformation.
Ausgangssituation
Bayer stellt mit 3 Spitzen vorn zu.
4 Spieler von Juventus im Strafraum bilden Überzahl und führen den Abstoß kurz aus.
Die Räume für 8 und 10 sind gut besetzt.
2 Spitzen binden 3 Verteidiger.
6 holt den kurzen Pass vom Torspieler ab.
Lösung
6 passt zu, der auf 4 klatschen lässt.
4 nimmt mit und passt nach außen zu 2.
Der wird angelaufen, dribbelt nach innen und verlagert diagonal zu 3.
3 nutzt die freie Außenbahn zum Tempodribbling.
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Ausgangssituation
Bayer stellt mit 3 Spitzen vorn zu.
4 Spieler von Juventus im Strafraum bilden Überzahl und führen den Abstoß kurz aus.
Die Räume für 8 und 10 sind gut besetzt.
2 Spitzen binden 3 Verteidiger.
6 holt den kurzen Pass vom Torspieler ab.
Lösung
6 passt zu, der auf 4 klatschen lässt.
4 nimmt mit und passt nach außen zu 2.
Der wird angelaufen, dribbelt nach innen und verlagert diagonal zu 3.
3 nutzt die freie Außenbahn zum Tempodribbling.
4. Angriffsprinzipien formulieren
Aus den Beispielen lässt sich eine Rangfolge von Angriffsprinzipien ableiten:
Immer tief denken, tief spielen, tief laufen.
Möglichst immer den direkten Weg in den torgefährlichen Bereich nehmen.
Alternativ über die Flügel, dann durch das Zentrum oder hintenrum spielen.
Den Gegner binden, um 2-gegen-1-Situationen herstellen zu können.
Reihen überschlagen, um in den Rücken des Gegners zu kommen.
Rautenförmig anbieten, um Tiefe zu generieren und den Gegner zu Entscheidungen zu zwingen: Gehe ich hin oder nicht?
Aus zentralen Räume in zentrale Räume: Erst locken, dann steil-klatsch-steil.
Schnell in eine frontale Stellung zum Gegner kommen.
Die geplante Eröffnung mutig durchziehen und die Überzahl ausnutzen.
Das Spiel auf den zweiten Ball vorbereiten: Nachstarten und Räume besetzen.
5. Gegnerische Grundordnung nutzen
Die Lösungen konnten auch deshalb gelingen, weil sie für die jeweilige gegnerische Grundordnung geeignet waren. Es gilt also, seine Spieleröffnung der Ordnung des Gegners anzupassen und deren Schwachpunkte zu nutzen. Dies zeigen wir hier am Beispiel des 1-4-3-1-2 gegen ein flaches 1-4-4-2.
Ausgangssituation
9 und 11 (jeweils blau) stehen etwas breiter und binden so die gegnerischen 2 und 3 (jeweils rot), da sich die Innenverteidiger 4 und 5 (jeweils rot) um den hoch postierten 10 (blau) kümmern müssen.
So hat Blau im Aufbau doppelte Überzahl.
Ziel ist, diese Überzahl auf die rechte Seite zu übertragen und auszuspielen.
Ablauf
6 (blau) holt den Ball ab und dreht auf.
4 schafft Raum für 6 (jeweils blau) und löst sich nach außen in Richtung Strafraumeck.
10 (blau) orientiert sich weg vom Ball, um 6 (rot) zu binden.
9 und 11 (jeweils blau) rücken leicht zur ballnahen Seite.
6 kann zu 4 oder zu 7 passen, der zu 4 (jeweils blau) spielt oder aufdreht.
10 löst sich aus dem Deckungsschatten von 6 (rot) in Ballrichtung.
4 (blau) dribbelt vorwärts in das Überzahlspiel.
Variationen
7 (blau) dreht auf.
Falls 7 (blau) von 10 (rot) gedeckt ist, passt 6 in die Tiefe zu 9 oder 10 (jeweils blau).
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Ausgangssituation
9 und 11 (jeweils blau) stehen etwas breiter und binden so die gegnerischen 2 und 3 (jeweils rot), da sich die Innenverteidiger 4 und 5 (jeweils rot) um den hoch postierten 10 (blau) kümmern müssen.
So hat Blau im Aufbau doppelte Überzahl.
Ziel ist, diese Überzahl auf die rechte Seite zu übertragen und auszuspielen.
Ablauf
6 (blau) holt den Ball ab und dreht auf.
4 schafft Raum für 6 (jeweils blau) und löst sich nach außen in Richtung Strafraumeck.
10 (blau) orientiert sich weg vom Ball, um 6 (rot) zu binden.
9 und 11 (jeweils blau) rücken leicht zur ballnahen Seite.
6 kann zu 4 oder zu 7 passen, der zu 4 (jeweils blau) spielt oder aufdreht.
10 löst sich aus dem Deckungsschatten von 6 (rot) in Ballrichtung.
4 (blau) dribbelt vorwärts in das Überzahlspiel.
Variationen
7 (blau) dreht auf.
Falls 7 (blau) von 10 (rot) gedeckt ist, passt 6 in die Tiefe zu 9 oder 10 (jeweils blau).
6. Wenn-Dann-Aussagen formulieren
Stellen wir die Absichten der Balleroberungsstrategien sowie die jeweils geeigneten Maßnahmen der Spieleröffnung einander gegenüber:
Keine Gleichzahl zulassen
Will der Gegner den Pass in die Gleichzahl provozieren, …
… versuchen wir, durch Andribbeln, Freilaufen oder gar Stehenbleiben gegnerische Spieler zu locken beziehungsweise zu binden und somit 2-gegen-1-Situationen zu unseren Gunsten zu ermöglichen,
… wollen wir seine Reihen überspielen,
… bieten wir uns in den Zwischenräumen an, sodass er Zuordnungsentscheidungen treffen muss,
… bieten wir uns rautenförmig an, um Tiefe herzustellen,
… locken wir ihn und spielen dann steil-klatsch-steil.
Dem Druck entgehen
Will er sofort Druck ausüben und uns nach außen lenken, …
… wollen wir seine Reihen überspielen,
… bieten wir uns in den Zwischenräumen an, sodass er Entscheidungen treffen muss,
… bieten wir uns rautenförmig an, um Tiefe herzustellen,
… ziehen wir unsere geplante Spieleröffnung mutig durch,
… sind aber auch jederzeit darauf vorbereitet, alternativ auf den zweiten Ball zu setzen.